Montag
25
Februar 
2013

„Bei Papa bleiben!“ – Märkische Allgemeine – Nachrichten für das Land Brandenburg vom 23.02.2013

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„Bei Papa bleiben!“

Im Duett...

Im Duett…
Der 19-Jährige wirkt glücklich, wenn er durch Oderberg im Landkreis Barnim streift. Wenn er allein zum Discounter geht und für sich und seinen Vater einkauft. Oder wenn er zwei- bis dreimal in der Woche morgens den Bus besteigt und nach Angermünde fährt, um dort eine Bekannte zu besuchen.

 So glücklich und unabhängig war Kai Bernsen nicht immer. Alles steht und fällt in seinem Leben mit dem Down-Syndrom, mit dem er auf die Welt gekommen ist. Das versteht Kai nicht. Vor allem versteht er nicht, dass sich seit seiner Volljährigkeit Anwälte, Richter, Gutachter und Berufsbetreuer für ihn interessieren. Sie stellen seine Geschäftsfähigkeit infrage und sein Verantwortungsbewusstsein. Besteht nicht zum Beispiel die Gefahr, dass er nach dem Kochen vergisst, den Herd aus zu machen?

Bis zu seinem 18. Geburtstag lebte Kai bei seiner Mutter in Berlin, zusammen mit seinen Geschwistern. Die Eltern ließen sich scheiden, als er zwölf Jahre alt war. Den Vater durfte er damals nur alle 14 Tage sehen. „Und das habe ich mir hart erkämpft. Zwei bis drei Jahre hat es gedauert, bis das möglich war“, sagt Jürgen Bernsen. Anfangs war er mit seinem Sohn nie allein. Eine Psychologin begleitete das Vater-Sohn-Gespann bei Ausflügen. „Begleiteter Umgang“ nennen die Behörden das. „Es war okay, aber wenn man unter Beobachtung steht, kann es nie wirklich toll sein“, erinnert sich Jürgen Bernsen.
Selbst auf die Geburtstagsfeiern seines Vaters konnte Kai nicht spontan gehen. Zuerst musste sein Vater einen Antrag bei der Anwältin der Ex-Frau stellen. Was man am Telefon in drei Minuten klären kann, konnte in diesem Fall bis zu drei Wochen dauern. „Und dann gab es auch noch Bedingungen. Er durfte nicht den ganzen Tag bleiben und schon gar nicht über Nacht.“
Irgendwann wollte Kai dieses Hin und Her nicht mehr und versprach seinem Vater, er werde morgen wiederkommen. „Gleich nach Schule“, fügte er hinzu. Und tatsächlich stand er am nächsten Tag vor der Wohnungstür seines Vaters. Kai wollte bleiben – für immer.
Allerdings war der Berufsbetreuer, der vom Gericht bestellt wurde und seit Kais Volljährigkeit die Verantwortung für den jungen Mann hat, nicht begeistert. „Der möchte Kai im betreuten Wohnen und in einer Werkstatt unterbringen. Das will meine Ex-Frau auch“, erklärt Jürgen Bernsen. Die Situation spitzte sich im Februar 2012 zu. Alles gipfelte in einer Herausgabeforderung des Gerichtes. „Das Gericht und der Verhandlungssaal waren voll von Polizisten“, erinnert sich Jürgen Bernsen. Kai wurde in ein Zimmer geführt und dort vom Richter befragt. „Der Richter kam vor der Verhandlung bereits mit dem Urteil heraus. Die Verhandlung war also nur pro forma.“ Das Urteil lautete: Kai sollte dem Berufsbetreuer übergeben werden. Nach langen Gesprächen zwischen Kais Rechtsvertreter und dem Berufsbetreuer durfte der junge Mann das Gerichtsgebäude verlassen und zu seinem Vater gehen. „Sein Anwalt hatte einen Deal mit dem Berufsbetreuer ausgehandelt: Kai darf gehen, wenn er sich ein Projekt für betreutes Wohnen ansieht“, berichtet der Vater. Doch Kai gefällt so eine Einrichtung nicht. Er will bei seinem Vater bleiben und eine Kochlehre beginnen. Mit viel Willenskraft hat er sich durchgesetzt – zumindest bisher. Seit knapp über einem Jahr leben Vater und Sohn in einem kleinen Häuschen in Oderberg, in das sie Hals über Kopf aus Berlin geflohen sind.
Fertig zum Aufbruch sitzt Kai auf der Couch im Wohnzimmer. Dieses Mal sind seine Großeltern aus dem niedersächsischen Nordhorn zu Besuch. Der Grund: Kais Vater feiert am Wochenende Geburtstag, zu dem viele Gäste erwartet werden – auch Kais Kumpel Rico und seine Freundin Vanessa kommen. Vanessa hat auch das Down-Syndrom.
Kai ist die Vorfreude auf die Party anzusehen. Vor allem ist er auf das Gesicht seines Vaters gespannt, wenn er ihm seine Überraschung zeigt. Um diese vorzubereiten, fährt Kai zu seiner Bekannten Ursula Utke in Angermünde. Allein, ohne Vater und mit dem Bus. Am Bahnhof Angermünde wartet Ursula Utke in ihrem Ford auf ihn. Kai steigt zu der Frau in den Wagen und schnallt sich an. „Ich habe keine Alufolie mehr zu Hause. Ich besorge welche im Supermarkt“, sagt sie und blickt in den Innenspiegel, um Kai zu sehen. Er nickt und sagt: „Ich zu Wolfgang dann.“ Während Ursula Utke im Laden verschwindet, klopft Kai zaghaft an die Tür des Lern- und Entwicklungsprojekts „100x neues Leben“, das auch ihn unterstützt. Wolfgang Pfeiffer arbeitet dort als stellvertretender Projektleiter. Kaum hat Kai das Bürozimmer betreten, kommt Wolfgang Pfeiffer um die Ecke. Die zwei begrüßen sich mit High Five. Über „100x neues Leben“ ist Kai an ein Praktikum in der Küche in der Freien Schule Angermünde gekommen. „Er weiß, was er will und er kennt auch die Wege, die Dinge dann umzusetzen“, sagt Wolfgang Pfeiffer.
Ursula Utke wartet bereits draußen im Wagen auf ihn. Die Alufolie, die sie gekauft hat, brauchen die zwei nachher zum Backen. Ein schnelles Kuchenrezept hat sie herausgesucht: Mohnschnitten mit Buttercreme und Kokosnussstreuseln oben drauf. Kai liest die Zutaten für den Rührteig ab. „Zuuucker“ und „Mooohn“ schüttet er vorsichtig in eine große Suppentasse. „Er ist da sehr genau“, sagt Ursula Utke. Wenn Kai nicht bei ihr kocht und bäckt, lesen, schreiben und rechnen sie zusammen. Für den Nachhilfe- und Alltagsunterricht bekommt die Arbeitslose acht Euro die Stunde. Kai übt mit Büchern für die erste Klasse. Mittlerweile kann er seinen vollen Namen in Groß- und in Kleinbuchstaben schreiben. „Das konnte er früher nicht“, betont sein Vater. Überhaupt sollen Kais Fähigkeiten aus schulischer Sicht in der Vergangenheit schlechter gewesen sein. Doch das interessiert einen Psychiater aus Berlin, der für das Gericht ein Gutachten geschrieben hat, nicht. Der Mann attestiert Kai auf 16 Seiten, dass er eine leichte Intelligenzminderung mit Lese-, Rechen- und Schreibstörung habe. Weiter heißt es: „Die Urteils- und Kritikfähigkeit des Betroffenen sei erheblich eingeschränkt … und er ist nicht in der Lage, unbeeinflusst von Dritten seinen Willen frei zu bilden.“ Nach Ansicht des Vaters wurde Kai in eine Schublade gesteckt, aus der er nur schwer wieder herauskommt.
Auf einem Zettel hat ihm sein Vater Jürgen zwei Uhrzeiten für die Rückfahrt nach Oderberg notiert. Den Bus hat Kai knapp verpasst. Er geht direkt aufs Gleis und wartet dort auf die Bahn. „Morgen Party! Rico auch dabei. Trinken dann Bier und Schnaps“, erzählt Kai, während er in den Zug einsteigt. Er blickt glücklich und etwas müde aus dem Fenster. Ob er eine Betreuung braucht, entscheidet das Landgericht Berlin am 7. März. Wie die Betreuung für ihn aussieht und wer ihm künftig hilft, wird auch besprochen. Kai weiß, was für ein wichtiger Tag das ist. Für ihn steht die Entscheidung aber jetzt schon fest: „Bei Papa bleiben. In Oderberg!“ (Von Anne Stephanie Wildermann)
 
 
 

Das Down-Syndrom ist ein
Syndrom beim Menschen, bei dem
durch eine Genommutation das
gesamte 21. Chromosom oder Teile
davon dreifach vorliegen (Trisomie).
Menschen mit Down-Syndrom
weisen in der Regel typische körperliche
Merkmale auf und sind in ihren
erkenntnismäßigen Fähigkeiten so
beeinträchtigt, dass sie geistig
behindert sind.
K In manchen Familien ist die
Wahrscheinlichkeit höher, dass
Nachkommen mit Gendefekten wie
dem Down-Syndrom entstehen.
K Der englische Neurologe John
Langdon-Down beschrieb das nach
ihm benannte Down-Syndrom 1866
zum ersten Mal wissenschaftlich als
eigenständiges Syndrom.
K Erst 63 Jahre nach Langdon-
Downs Tod erkannte der französische
Genetiker Jérôme Lejeune die
genetische Ursache des Syndroms:
Er entdeckte, dass jede Zelle der
betroffenen Menschen 47 statt der
üblichen 46 Chromosomen besaß,
also bei einem Chromosom eine
Verdreifachung statt einer Verdopplung
vorliegen musste. asg
„Bei Papa bleiben!“

 
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